Die vergessene Innovation der Turul-Ära: Briefmarken aus dem Automaten
In der Welt des ungarischen Briefmarkensammelns gibt es Geschichten, die nicht von seltenen Fehldrucken oder teuren Auktionslosen handeln, sondern von den technologischen Kämpfen einer vergangenen Epoche. Eine solche ist die kurze, aber umso lehrreichere Episode der „Markenrollen“ vom Beginn des 20. Jahrhunderts. Diese Geschichte zeigt, dass die Königlich Ungarische Post bereits 1912 den Weg der Modernisierung eingeschlagen hatte, auch wenn das Experiment letztlich nicht die Erwartungen erfüllte.
Der Erlass, der alles ins Rollen brachte
Es war September 1912, als die Postleitung dem Marktdruck nachgab. Großkonzerne und die Geschäftsleute des „modernen Zeitalters“ suchten nach einer schnelleren Lösung für die Frankierung ihrer Briefe. Es wurde der Erlass Nr. 12.946/v. erlassen, der den Verkauf der Nennwerte 2, 3, 5, 6 und 10 Filler in 1000-Stück-Rollen genehmigte.
Diese Rollen wurden speziell für die frühen Frankierautomaten geschaffen. Die Vorschriften waren jedoch äußerst streng:
- Die Rollen durften nicht von jedem Amt vorrätig gehalten werden, sie waren nur auf Bestellung erhältlich.
- Es war verboten, sie über den internen Postweg oder Wiederverkäufer zu vertreiben.
- Sie waren ausschließlich in den ausgewiesenen Hauptpostämtern erhältlich (in Budapest zum Beispiel in der Zentralen Annahmestelle Nr. 4).
Technologische Meisterleistung: Handgefertigte „High-Tech“
Obwohl heute Rollenmarken auf durchgehenden Papierbahnen gedruckt werden, musste die Staatliche Druckerei 1912 eine andere Lösung finden. Sie druckte keine neuen Marken, sondern wandelte die bereits gedruckten 100er-Turul-Bögen manuell um.
Die Produktionsschritte:
- Die 100er-Bögen wurden in 10er-Streifen gerissen.
- Die Marke am unteren Ende jedes Streifens wurde manuell auf den am oberen Ende des nächsten Streifens belassenen Rand geklebt.
- Dies wurde wiederholt, bis ein 1000-teiliger Streifen entstand.
- Der so entstandene Streifen wurde so aufgewickelt, dass beim Abziehen das Markenbild auf dem Kopf stand.
Genau deshalb nennt die Fachliteratur sie treffend Markenrollen und nicht Rollenmarken: denn es handelte sich nicht um eine separate Produktionstechnologie, sondern nur um eine spezielle Verpackungsform.
Warum sehen wir sie nicht in Sammlungen?
Hier kommen wir zum merkwürdigsten Punkt der Geschichte. Obwohl fast 20 Millionen Stück auf diese Weise in Umlauf gebracht wurden, ist es fast unmöglich, sie als Einzelexemplare zu identifizieren. Sobald die Marke von der Rolle abgetrennt und auf einen Brief geklebt wurde, verschwanden alle Unterscheidungsmerkmale. Da sie aus konventionellen Bögen hergestellt wurden, unterschieden sich weder ihre Zähnung noch ihr Papier von den anderen.
Das Ende des Experiments und die Zahlen
Trotz der großen Begeisterung war das Projekt nur von kurzer Dauer; ab 1913 wurde die Produktion eingestellt. Über die produzierten Mengen haben wir jedoch genaue Statistiken:
- 2 Filler: 6.000 Rollen
- 3 Filler: 540 Rollen (die seltenste Variante)
- 5 Filler: 5.700 Rollen
- 6 Filler: 6.000 Rollen
- 10 Filler: 6.865 1000er-Rollen und 250 500er-Rollen
Diese Episode bleibt für die Nachwelt als ein spannendes Kapitel aus der Frühzeit der ungarischen Postgeschichte, als Handarbeit versuchte, die Bedürfnisse der ersten mechanischen Automaten zu bedienen.
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